Das neue Schiffshebewerk in Niederfinow
Was Besucher zum Staunen bringt
Mit dem Neubau des Schiffshebewerkes in Niederfinow errichtet die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) derzeit ein spektakuläres technisches Bauwerk in unmittelbarer Nachbarschaft zweier bedeutender Baudenkmäler. Es sind nicht nur die Abmessungen dieses außergewöhnlichen Bauwerkes, die den Fachbesucher und den interessierten Laien zum Staunen bringen wird, sondern es ist auch die ernorme Ingenieurleistung, die hinter dieser Planung steht. Die Lösung der Ingenieuraufgabe "Hebewerk" ist das Großartige an diesem Projekt. Letztendlich ist es jedoch die technische Bewältigung der enormen Hubhöhe von 36 m, die viele Besucher in den Bann zieht und das neue und alte Schiffshebewerk zu einem Besucherschwerpunkt werden lässt.
Ingenieurbaukunst - Made in Germany
Über Jahrzehnte hinweg hat das älteste noch in Betrieb befindliche Schiffshebewerk - als "Großtat deutscher Technik" einst gefeiert und heute mit dem "Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst" geehrt - seine Stärke und seinen Vorbildcharakter bewiesen. Der 75. Geburtstag im Jahre 2009 war gleichzeitig ein subtiler Hinweis auf 75 Jahre störungsfreien Betrieb. Langlebig, robust und damit auch nachhaltig ist es zum Inbegriff der Zuverlässigkeit geworden. Mit dem Bau des neuen Schiffshebewerkes wird an das Konstruktionsprinzip und an das Sicherheitskonzept des alten Hebewerkes angeknüpft. Auch das neue Hebewerk ist ein Gegengewichtshebewerk und das Sicherheitskonzept basiert auch hier auf der Idee der Mutterbackensäule mit Drehriegel.
Eine Erlebniswelt Schiffshebewerk
Die Leitidee "Technik erlebbar zu machen" und der Wunsch den Besucher möglichst nahe an den Hebevorgang heranzuführen, waren die entscheidenden Entwurfsparameter für den Fachbeitrag Architektur der BAW. Dabei wurde gar nicht erst versucht, das Bauwerk zu verstecken - bei den Abmessungen von 133 m Länge und über 50 m Höhe ein ohnehin unmögliches Unterfangen. Nein, das Bauwerk steht selbstbewusst für die großartige Ingenieurleistung, die dieses Hebewerk erst möglich macht. Die Priorität aller gestalterischen Zuarbeit lag dabei immer auf dem Ingenieurentwurf. Auf der Basis der Gerüstlösung als Tragwerkssystem hat dann die BAW einen Gestaltungsvorschlag entwickelt, der der weiteren Ausführung zugrunde gelegt wurde und nach dem das Bauwerk nun gebaut wird. Die ersten Ideen wurden in einem iterativen Prozess mit allen Fachkollegen auf der Bauherrenseite und der beteiligten Ingenieurbüros interdisziplinär diskutiert und optimiert.
Die Bewegung sichtbar machen
Wichtiges Merkmal des Entwurfes ist die Darstellung des Hebevorganges in seiner Aufwärtsbewegung durch die senkrechte Betonung der Pylone. Die fehlende Andeutung der Aufwärtsbewegung des "Schiffsfahrstuhls", die die Akademie der Künste in Berlin seinerzeit bei der Planung des alten Hebewerkes von 1934 kritisiert hatte, wird nun deutlich hervorgehoben: Es geht aufwärts beim neuen Schiffshebewerk! Oder akademisch aus gedrückt: "Form follows Function" - die Form ergibt sich aus der Funktion.
Mit Emotionen gestalten
Aber das als alleiniges Entwurfsprinzip reicht nicht aus. Die BAW will darüber hinaus auch Begeisterung wecken und für das große Thema Ingenieurbaukunst werben. Daher wird noch ein zweites Gestaltungsziel konsequent verfolgt: "Form follows Emotion". Die Form des Bauwerkes ist das Ergebnis eines ganzheitlichen Planungsprozesses. Dazu gehört auch die Entwicklung und Darstellung von Bauwerksdetails über den klassischen Ingenieurentwurf hinaus.
Dass die Bauwerke der WSV auf sehr hohem Niveau funktionieren ist selbstverständlich. Reine Funktionserfüllung reicht aber nicht aus. Auch die Gefühlswelt der Besucher soll angesprochen werden, indem emotionale Faktoren eingeplant und baulich sichtbar gemacht, sowie mentale Bedürfnisse befriedigt werden - alles das garantiert dem Publikum ein besonderes Erlebnis. Wie werden diese Ziele nun konkret umgesetzt? Die Galerien und die Brücken für die Besucher in 40 m Höhe, die den atemberaubenden Blick in den Hubraum ermöglichen, der Blick in die verglaste Seilrollenhalle mit den mächtigen Seilrollen, der große Fachwerkträger mit der Aufenthaltsplattform, die eine fulminanten Aussicht in das Oderbruch ermöglicht.
Die Kontur des Schiffshebewerkes ist zweigeteilt. Ihre inneren Linien sind einander orthogonal zugeordnet; die äußere Kontur spiegelt im Zusammenhang mit der inneren Kontur das Kontrapost-Motiv aus der antiken figürlichen Plastik wider. Entsprechend stellt hier die innere lotrechte Ausrichtung das "Standbein" dar, während die wechselnden Neigungen der äußeren Linienführung auf das "Spielbein" verweisen. Die Neigung der Stützenaußenseiten soll die Leichtigkeit betonen, mit der die Hubarbeit am Schiffshebwerk verrichtet wird. Die Gegengewichte und der Trog sind in einem Gleichgewichtzustand. Es bedarf daher nur der Kraft eines „Rasenmähermotors“, um den Trog zu heben und zu senken. Diese Balance soll das "Anspitzen" des Schiffshebewerkes verdeutlichen. Elegant nach unten verjüngt steht das Bauwerk in der Landschaft und beeindruckt mit einer nahezu tänzerischen Leichtigkeit.
Alles das sind emotionale Beiträge für eine identitätsstiftende Architektur. Mit seinem hohen Alleinstellungsmerkmal ist das neue Schiffshebewerk zukünftig ein weiterer Ankerpunkt im Tourismuskonzept des Landkreises Barnim und seiner Gemeinden.
Es gibt Druck!
Die Umsetzung des Tragwerksentwurfes in die Materialität steht unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten: So sind die tragenden Bauteile - wie die Seilrollenträgerstützen - aus dem Material Beton, der mit seiner großen Druckfestigkeit für diese Aufgabe gerade zu prädestiniert ist. Die getragenen Bauteile, wie der Seilrollenträger und die Seilrollenhalle sind aus Stahl. Also möglichst leicht, um den Eigengewichtsanteil klein zu halten. So entsteht ein Bauwerk mit einem den statischen Erfordernissen angepassten Materialmix.
Mit dieser Kombination aus Beton und Stahl sind auch die Fachbeiträge der Referate B1 - Massivbau, B2 - Korrosionsschutz und Stahlwasserbau sowie B3 - Betontechnologie, der BAW gefordert. Zusammen mit dem Referat K1 für gründungstechnische Fragen erfolgt hier eine fachübergreifende, integrale Beratung des Bauherrn WSV.
Mit Farbe ein Bauwerk lesen können
Mit der zuvor angesprochenen Aufgabenteilung zwischen Beton und Stahl ist auch das Farbkonzept zu erklären. Dass Beton wie Beton aussehen soll, versteht sich von selbst. Der Beton ist als Sichtbeton ausgeschrieben und wird nicht beschichtet. Anders die Stahlbauteile, die vor Korrosion zu schützen sind und somit auch farblich differenziert beschichtet werden können. Das Farbkonzept wird auch benutzt, um den Besuchern durch die Bauteilfarbe eine Lesehilfe an die Hand zu geben, mit der sie das Hebewerk verstehen lernen. So gibt es bestimmte Farben für bewegliche Teile, für ruhende Teile und, je kleiner und wichtiger ein Bauteil ist, umso intensiver wird seine Farbe. Die vorherrschenden Farben sind das Grau des Betons und des Stahls bzw. des Aluminiums. In Besuchernähe wird Blau und Gelb eingesetzt.
Eine Landmarke der WSV
Als Leitbild war eine einheitliche Architekturhandschrift gewünscht. So folgt nicht nur das Schiffshebewerk einer bestimmten Architekturidee, sondern auch die Architektur der weiteren Bauwerke, wie das Informationszentrum und das Sicherheitstor. Die grundlegenden Entwurfselemente des Hebewerkes wiederholen sich am Tor und an der Ausstellungshalle. Durch die Verwendung gleicher Formen und gleicher Materialien soll die Zusammengehörigkeit der Bauwerke erkennbar sein: Ein Corporate Design (CD) für den WSV-Standort Niederfinow.

